Schweizer Wahlpropaganda - von schwarzen Schäfchen und vom "sprechenden Päckli": ein offener Brief.
Offener Brief an alle Wahlberechtigten der Schweizerischen Eidgenossenschaft:
Liebes Tagebuch, liebe Mit-Schweizer und Mit-Schweizerinnen - und liebe "schwarze Schäfchen"! (Für alle Schweizer nochmal im Dialekt: Liebs Tagebuech, liebi Mitschwiizer und Schwiizerinne sowiä oisi "schwarzä Schof"!)
Vielleicht sollte ich in der Begrüßung auch gleich noch dazu schreiben: liebe Mit-"schwarze Schäfchen"? Oder sende ich besser einen ausdrüklichen "Rütli-Gruß" an die Herrschaften der "Schweizerischen Volkspartei" (SVP) und deren Stammwähler? Fragen über Fragen...! Ich schreibe hierbei vielleicht aus einer eher ungewohnten Perspektive: nämlich aus jener eines "Auswanderers", eines "Auslandschweizers". Viel schlimmer noch: aus der Perspektive eines Auslandschweizers, der noch eine zweite (europäische) Staatsbürgerschaft besitzt. Als solcher "staatsrechtlicher Zwitter" - bin ich nun Freund oder Feind??
Auf jeden Fall - muss ich ganz offen zugeben - beschäftigen mich schon seit einigen Wochen die politischen Kraftausdrücke, die so über die (relativ nahe liegende) Grenze hinweg schwappen. So wenig man hier in Konstanz (direkt an der Grenze zur Schweiz) normalerweise von schweizerischer Politik erfahren möge... Eines hat hier mit großer Sicherheit jeder mitbekommen: Morgen, am Sonntag, dem 21. Oktober, finden in der Schweiz die Nationalrats- und Ständeratswahlen statt! Mittlerweile dürfte dies nun auch schon fast die ganze Welt wissen, denn die schweizerischen Parteien haben sich in Ihrer Wahlkommunikation die größte Mühe gegeben - nicht nur in finanzieller Hinsicht. Ihre Argumente dürften nicht nur im letzten, hinterwäldlerischen Dorf angekommen sein, sie versetzen gar Deutschland und halb Europa in höchste Alarmbereitschaft! Selbst die UNO äußert ihre Bedenken gegenüber der Schweiz! Doch was genau ist in diesem kleinen, fast unscheinbaren und "neutralen" Land nur los?
Als ich kürzlich zu meinen Eltern nach Hause gefahren bin, um u.a. meine Wahlunterlagen (die einem Auslandschweizer i.d.R. per Post an die gemeldete Adresse zugestellt werden) abzuholen, erzählte mir meine Mutter beim gemeinsamen Abendessen eine kleine Kurzgeschichte: Eine sehr alte Freundin aus Schulzeiten habe sie vor wenigen Tagen angerufen. Wie das in solchen Fällen wohl ist, spricht man über dies und jenes, über alle möglichen Dinge. Politische Themen? Warum auch nicht. Jedenfalls hatte die besagte Freundin meiner Mutter Post bekommen: Post mit dem Absender [groß aufgedrucktes Schweizerkreuz bzw. Wappen]. Natürlich wunderte sich die etwas ältere Dame, warum sie nun "Post vom Staat" bekommen sollte - jedenfalls liegt nicht alle Tage eine Postsendung mit offiziellem Schweizer Wappen (wie dies sonst bei amtlichen bzw. behördlichen Briefmitteilungen üblich ist) im Briefkasten! Voller Spannung - meine Mutter kann sehr authentisch erzählen - öffnete besagte Freundin das kleine "Päckli" (Päckchen) - und war erstaunt, als plötzlich die Stimme eines relativ bekannten (und ihr zudem persönlich bekannten) Schweizer Kabarettisten erklang. Doch die - wie von Geisterhand erklingende - Rede war weniger von Humor geprägt als von parteipolitischer Propaganda der "Schweizerischen Volkspartei" (SVP) . Eine schöne Überraschung! (Die Geschichte ging noch ein wenig weiter: die "politische Rede" des Komikers wollte nämlich kein Ende nehmen! Das Päckchen wieder zu verschließen sollte dem bunten Treiben aber ein Ende setzen, dachte sich die Schulfreundin meiner Mutter. Fehlanzeige: der Kabarettist plapperte munter weiter seine politischen Parolen. Weder eine Kälte-Schock-Therapie im Mülleimer auf dem Balkon noch mehrmalige manuelle Zerstörungsversuche stoppten die akustischen Attacken der Partei mit dem Sonnenschein-Smilie im Logo [...].)
Kurzum: die schweizerischen Parteien haben sich den Wahlkampf einiges kosten lassen - insbesondere die (noch) stärkste Partei in der Schweiz, die SVP. Die oben geschilderte Zusendung von "akustischen Botschaften", welche offenbar nur an vereinzelte Haushalte versendet worden ist, war dabei noch eine der harmlosen Werbemaßnahmen der SVP. Weitaus für mehr Diskussion sorgte ein Plakat, aufdem die SVP dafür steht, "schwarze Schafe" aus der Schweiz zu verstoßen.
Genauer geht es dabei um die "Ausschaffungsinitiative", welche (sofern die Initiative erfolg hat) die problemlose Abschiebung (SVP: "Ausschaffung") krimineller Ausländer ermögliche. Ein entsprechender Flyer mit Unterschriftenbogen wurde offenbar an jeden einzelnen schweizerischen Haushalt versendet. Weitere Plakate sowie heftigst umstrittene Videobotschaften und "Internet-Spiele" komplettieren das Bild einer durchwegs ausländerfeindlichen Schweiz. Der Spiegel spricht gar von "braunem Gedankengut" und von "Anleihen aus dem nationalsozialistischen Gewaltsprache".
Schönes, buntes Bild der Schweiz, welches hier vor allem durch eine Partei mit Erfolg verbreitet wird. Ich bin mir sicher: egal wie die Wahlen morgen ausfallen werden - dies wird für die gesamte Schweiz noch ein deutliches Nachspiel haben, so leicht wird man diese rechtspopulistische Wahlwerbung nicht vergessen! Es ist dabei nicht so, als wäre dies das "erste Mal", dass die SVP durch Plakate auffiele, die durch Fremdenhass gezeichnet sind. Vor ein paar Jahren (als ich noch in der Schweiz lebte) gab es schon einmal Wahlplakate der SVP mit der Aussage "AUSLÄNDER RAUS!" - welche aber, meiner Erinnerung nach, sehr schnell verboten worden sind. Weitere Beispiele finden sich zahlreich. Umso schlimmer ist es, dass dieser Partei noch immer so viel Einfluss zukommt - die jüngsten Beispiele sprechen eine genauso deutliche Sprache! Die Aussagen der anderen politischen Lager waren - um dies nicht ganz unter den Tisch fallen zu lassen - aber auch nicht immer ganz "politically Correct".
Wenn ich die Wahlpropaganda der unterschiedlichsten Parteien so Revue passieren lasse und wie darüber diskutiert wurde, so muss ich sagen: ich mache mir ernsthafte Sorgen um die Schweiz! Und wenn dies so weitergeht, muss ich mich wirklich dafür schämen, ein Schweizer zu sein! (Zum Glück habe ich in meiner hochdeutschen Aussprache keinen hörbaren "schweizer Akzent" :D )
Auf jeden Fall nehme ich von meinem Wahlrecht gebrauch - und weil mir diese Stimme sehr wichtig ist, werde ich morgen, Sonntag, höchstpersönlich zur Wahl in die Schweiz einreisen! Ich werde meine Stimme gegen die SVP nicht per anonymer Briefpost äußern, ich will meinen Stimmbogen selbst in die Wahlurne schmeissen - Fahrtkosten und frühes Aufstehen (wie es bei Studenten - zumindest dem Klischee nach - unüblich ist) absolut ungeachtet. Ich hoffe nur, dass man mich mit meinem deutschen Führerschein nicht gleich an der Grenze abweisen wird ;) .
In aller Verantwortung, welche die Wahlberechtigten der Schweiz an der morgigen Wahl haben: Eieiei, es sieht verdammt düster aus in der Schweiz! Wollen Sie dass es noch düsterer wird, dann wählen Sie die SVP ;)







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